Alle sieben Jahre lädt Aachen zu Feiern ein, in deren Mittelpunkt die Verehrung von vier der vielen Reliquien steht, die wohl seit der Zeit Karls des Großen als Schatz in der Pfalzkapelle in Aachen aufbewahrt werden. Es sind die Stoffe, die verehrt werden als das Kleid Mariens aus der heiligen Nacht, als die sogenannten Windeln Jesu, in die Maria das Kind einhüllte, als das Tuch, in das man das Haupt des heiligen Johannes des Täufers nach der Enthauptung barg, und als das Lendentuch des Herrn.
Dass gerade textile Reliquien eine besondere Verehrung erlangten, hat nicht zuletzt einen Grund darin, dass in der alten Welt einem Gewand oder Gewandteilen und Stoffreliquien eine besondere Bedeutung zugewiesen wurde. Sie vermochten etwas auszusagen über den Menschen und sein Leben. Vom „Bekleiden“ und „Überkleidetwerden“ spricht Paulus, um den Gemeinden (vgl. z.B. Gal 3.27; Eph. 4.24; 6.11) klarzumachen, dass sie eine Neuschöpfung sind, dass sie Christus „angezogen“ haben. Den Empfängern der Paulus-Briefe war diese Bild nicht unbekannt.
In langer Tradition stehend und dem Brauch in Ost und West folgend stattet auch Karl d. Gr. die von ihm „nach eigenem Plan“ (Notker von Sankt Gallen) erbaute Kirche mit einem Reliquienschatz aus. Stoffe und andere Reliquien, die man mit dem Leben des Herrn, Mariens oder der Heiligen des Neuen Testaments in Verbindung brachte, erhält der Kaiser vom Papst und werden ihm durch Gesandtschaften aus Konstantinopel und Jerusalem überbracht.
Der Reliquienschatz am Hof Karls in Aachen erlangt eine solche Bedeutung, dass es als Zeichen besondere Auszeichnung gilt, mit einzelnen Teilen daraus beschenkt zu werden. Kirchen und Abteien wie Prüm, Compiegne, Chartres, Kornelimünster und Hildesheim verweisen darauf. Seine Berühmtheit nimmt weiter zu mit dem wachsenden Ansehen, das seit der Krönung Ottos d. Gr. im Jahr 936 und der Kanonisierung Karls d. Gr. unter Friedrich I. Barbarossa 1165 die Pfalzkapelle als Krönungskirche erlangt. Die Pfalzkapelle erscheint als heiliger Ort, als Heiltum. Der Zustrom der Pilger nimmt ständig zu und die Aachener Heiligtumsfahrt wird die am weitesten verbreitete Wallfahrt nördlich der Alpen. Sie steht in einer Reihe mit den großen Pilgerfahrten nach Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela.
Im Jahre 1349 bewegen zwei Ereignisse die Menschen Europas. Von Kleinasien her hat sich die Pest bis nach Westeuropa ausgebreitet. Ihrer ersten Welle fällt ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer. In dieser Situation wird die Krönung Karls IV. aus dem Haus Luxembourg am 25.7.1349 in Aachen zu einem Zeichen der Hoffnung. Die Krönungskirche selbst und mehr noch ihre Reliquien erscheinen den Menschen wie ein sichtbares Unterpfand für ihre unsichtbare Verbundenheit mit Gott, der ihnen in den Nöten und Problemen des öffentlichen und in den Erwartungen und Sorgen des persönlichen Lebens seine Nähe zugesagt hat. Schon in der Widmungsschrift des Barbarossa-Leuchters war diese Überzeugung ausgesprochen: „Hier erscheinst Du im Bild, Jerusalem, himmlisches Sion. Zelt des Friedens für uns und Hoffnung seliger Ruhe“.
Jetzt ermutigt dieses Bild der Hoffnung und Verheißung zu einem Neuanfang aus der Katastrophe. Nach einer Verfügung des Kaisers wird von nun an die Aachenfahrt in einem Zyklus von je sieben Jahren gefeiert. Das „Septennale Jubilaeum Aquisgranense“ gibt der Wallfahrt eine zusätzliche Sinngebung. Sie ist dem Jobel- oder Sabbatjahr des Alten Bundes ähnlich, in dem Schuld erlassen wurde und der Ertrag bestimmter Felder den Armen zufiel.
Bei der Heiligtumsfahrt 1937 wird im „stummen Protest“ gegen den Nationalsozialismus und eine gottlose Ideologie eine weitere Dimension angesprochen: die Pilger bekennen – wenn auch unausgesprochen – die Überzeugung, dass der Glaube der Weg zu einer heileren Welt ist.
Die Aachenfahrt ist so Ausdruck für Unterwegs-sein als heiliges Volk zu Verehrung heiliger Zeichen an heiligem Ort zu heiligen Zeiten.
In ihrer jahrhundertelangen Tradition werden die Feiern unterschiedlich benannt. Auch wenn der am meisten bekannte Name „Aachener Heiligtumsfahrt“ ist, werden die alten Bezeichnungen wie „Betefahrt“ oder „Heiligtumsfahrt“ oder einfach „Aachenfahrt“ ebenso verwendet. In den unterschiedlichen Bezeichnungen kommt der Wandel zum Ausdruck, dem die Aachener Feiern im Laufe ihrer Geschichte unterlegen sind. Die Feiern sind Spiegel ihrer jeweiligen Zeit, in der sie gehalten wurden. In ihnen werden religiöse Bewegungen und gesellschaftliche Strömungen erkennbar. Sie sind ein vielschichtiges In- und Miteinander von kirchlichen und politischen Ereignissen, Meinungen und Überzeugungen. Einmal ist es schlicht ein Aufruf zur Fahrt nach Aachen als dem „Heiltum des Reiches“, ein anderes mal wird stärker der Glaube artikuliert, der in den „Heiligtümern“ der Reliquien den „Saum seines Gewandes berühren“ möchte. Sie sind einfach „Betefahrt“ in Zeiten der Not; sie erscheinen als „stummer Protest“ gegen politische Unfreiheit oder gegen einseitigen Rationalismus.
Bei aller Unterschiedlichkeit in der Akzentuierung war und blieb die Aachenfahrt aber stets Wallfahrt. Das allen Namen gemeinsame Hauptwort ist „Fahrt“; es gibt die durchlaufende Perspektive an. Was immer die einzelnen zur Teilnahme bewegen mag, sie sind Pilger, ob ihnen dies bewusst ist oder nicht. Sie teilen die allen gemeinsame Grundsitutation des Unterwegsseins. Die bereits erwähnte Stiftungsinschrift des Leuchters, mit dem Kaiser Friedrich I. Barbarossa im Jahre 1165 zur feierlichen Erhebung der Gemeine Karls d. Gr. die Pfalzkapelle des heiligen Kaisers schmücken lässt, weißt darauf hin. Sie sieht in der Kirche nicht nur das „neue Jerusalem“, „die heilige Stadt“, sondern sie wählt auch das biblische Bild des Zeltes, um diese Wirklichkeit zu umschreiben. Das Zelt erinnert an die Wanderung des alttestamentlichen Bundesvolkes durch die Wüste, an seine Lebensweise in der Zeit zwischen der Befreiung aus Ägypten und dem Ankommen im Land der Verheißung.
Zwar lassen die kurzen Hinweise auf die Geschichte der Aachener Heiligtumsfahrt nur ahnen, was der Betefahrt in den verschiedenen Jahrhunderten im einzelnen ihren je charakterlichen Akzent gegeben hat. Jedoch sind einige bleibende und als wesentlich angesehene Elemente erkennbar:
Zu allen Zeiten wurde Aachenfahrt als „Tuchfühlung“ mit den grundlegenden Wirklichkeiten des Glaubens verstanden. Für die Teilnehmer standen daher weniger Fragen nach der Berechtigung der Reliquienverehrung oder der Echtheit der Heiligtümer oder Auseinandersetzungen über Inhalte des Glaubens im Mittelpunkt. Vielmehr erschienen die Zeichenhaftigkeit der Pilgerschaft als das Hinschauen auf die als Zeichen der Erlösung verehrten Reliquien als wesentlich. Besonders in Umbruch- und Krisenzeiten kam der Aachenfahrt besondere Beachtung zu:
z.Zt. Karls des Großen: die Reliquien kommen nach Aachen in der Zeit der zunehmenden politischen und geistigen Auseinandersetzung mit dem Islam;
z.Zt. der Reformation: 1629 stiftet die Infantin Erzherzogin Isabella Clara Eugenia die reichen Verpackungstücher; es kann als Teil der spanisch-habsburgischen Bemühungen um die Katholische Reform durch Förderung der Marienfrömmigkeit angesehen werden;
z.Zt. des Nationalsozialismus: der bereits erwähnte „stumme Protest“ 1937.
Quelle: A. Peters, Die Betefahrt nach Aachen